Bismarck – Widersprüche, Macht und Mythos

Buchbesprechung: Norbert F. Pötzl, Bismarck. Der Wille zur Macht, Propyläen/Ullstein Buchverlage, Berlin 2015, kart., 304 S., 16,99€.

Cover: Norbert F. Pötzl, Bismarck. Der Wille zur Macht. Rechte: Ullstein Buchverlage GmbH.

Cover: Norbert F. Pötzl, Bismarck. Der Wille zur Macht. Rechte: Ullstein Buchverlage GmbH.

Am 1. April 2015 jährt sich der Geburtstag Otto von Bismarcks zum zweihundertsten Mal. Er hat die Geschicke Deutschlands und ganz Europas geprägt, wie nur wenige andere Persönlichkeiten. Es hat sich daher zu seiner Person, seinen Handlungen und seiner Rezeption eine gewaltige Historiografie entfaltet. Schon kurz nach seinem Tod 1898 begann der Streit um die Deutung Bismarcks und hielt – trotz aller bibliografischen Fülle – in verschiedenfacher Ausgestaltung bis zum heutigen Tag an. Es ist deswegen kaum verwunderlich, dass Autoren das »Bismarckjahr« 2015 nutzen, um neue Beiträge zum »Eisernen Kanzler« zu veröffentlichen.

Bei der Vielzahl der Biografien muss sich jedoch inzwischen jeder Autor rechtfertigen, was er denn nun anders macht als seine Vorgänger, besonders im Hinblick auf die teilweise mehrbändigen Standardwerke von Erich Eyck, Ernst Engelberg, Ludwig Reiners, Otto Pflanze oder Lothar Gall. Pötzl tut dies, indem er nicht neue Erkenntnisse, sondern die Art und Weise der Gliederung in den Mittelpunkt seines Buches stellt. Laut Vorwort will er sich damit auf das Wesentliche im Leben und Wirken Bismarcks konzentrieren und »…durch das Dickicht der Bismarck-Historiografie eine Schneise schlagen«. Er unterteilt sein Werk zu diesem Zweck in sechs thematisch gegliederte Querschnittskapitel, die die bedeutendsten Ereignisse nachzeichnen und die wichtigsten Zusammenhänge erhellen sollen. Insbesondere der schon im Untertitel des Buches erwähnte »Wille zur Macht«, den er Bismarck unterstellt, soll der rote Faden der Biografie sein.

Das Buch beginnt zunächst mit einer kurzen Beschreibung des Lebens Bismarcks und seiner wichtigsten Stationen. Dies reicht von seiner Jugend, über sein Verhalten im Revolutionsjahr 1848, bis hin zu Bismarcks Stellung als Vertrauter Wilhelms I. Dabei übernimmt Pötzl auch Lothar Galls These vom »weißen Revolutionär«, die dieser in seiner Bismarckbiografie von 1980 aufgestellt hatte, wobei er den Begriff von Ludwig Bamberger und Henry Kissinger aufnahm.

Im zweiten Kapitel steht der Charakter Bismarcks im Vordergrund. Otto Pflanzes mehrbändiges Werk mit seiner Fokussierung auf die Persönlichkeit Bismarcks und seinem teilweise psychoanalytischen Ansatz dürfte hier Pate gestanden haben. Pötzls Beurteilung des bismarckschen Charakters fällt weitestgehend negativ aus. Diese Ansicht zeigt sich auch im weiteren Verlauf des Buches immer wieder, wenn es um die Deutung bestimmter Handlungen Bismarcks geht. Das an Durchtriebenheit grenzende taktische Denken, Opportunismus und kleinliche Rachsucht sind für Pötzl zentrale Eigenschaften Otto von Bismarcks.

Kapitel drei wendet sich nun den Erfolgen des Reichskanzlers zu. Dazu zählt Pötzl vor allem Preußens Weg zur Großmacht, die Entwicklung zu einer kleindeutschen Lösung der Reichsfrage durch den Deutschen Krieg und natürlich die Reichseinigung nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1871. Pötzl relativiert allerdings seine Einordnung in das »Erfolge«-Kapitel dadurch, dass er eine Nationalstaatsgründung auch auf anderem Wege für möglich hält und dass Bismarck keineswegs einem kohärenten Plan gefolgt sei, sondern sich stets den jeweiligen Umständen und wechselnden Möglichkeiten angepasst habe.

Das vierte Kapitel ist mit »Widersprüche« überschrieben. Darunter vereint der Autor vor allem die Außenpolitik nach der Reichsgründung. Die Stellung des Deutschen Reiches in Europa, seine Bündnis- und Kolonialpolitik werden hier kritisch beleuchtet. Pötzl sieht das »Widersprüchliche« dieser Politik in ihrer Abhängigkeit von tages- und innenpolitischen Ereignissen und der Persönlichkeit Bismarcks. Auch die teilweise Unvereinbarkeit der vom Reichskanzler geschmiedeten Bündnisse untereinander verdient laut Autor diese Charakterisierung.

Im folgenden fünften Kapitel widmet sich das Buch den Fehlern Bismarcks. Für Pötzl zählen dazu Kulturkampf, Sozialistengesetz und Sozialreform sowie der innenpolitische Stillstand. Aber auch an seinem eigenen Sturz rechnet der Autor Bismarck eine Mitschuld an. So sei er selber der Schöpfer eines anachronistischen Systems gewesen, über das er letztendlich selbst stolperte.

Im letzten Abschnitt geht Pötzl auf den »Mythos« Bismarck ein. In dem recht kurzen Kapitel liegt das Augenmerk vor allem auf Bismarcks Selbstbeiträgen zur eigenen Legendenbildung und der unkritischen Rezeption von Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit bis zum Zweiten Weltkrieg. Pötzl bescheinigt dem Bismarckmythos eine Glorifizierung des Reichskanzlers zum »Heros der Antidemokraten«, die den Aufstieg Hitlers zumindest indirekt begünstigt habe. In diesem Argumentationsstrang lässt er denn auch das bismarcksche Reich in seinem Schlusswort mit dem Datum 1945 enden.

Zum 100-jährigen Geburtstag Bismarcks 1915 erschien das Buch »Bismarck. Des eisernen Kanzlers Leben in annähernd 200 seltenen Bildern nebst einer Einführung«. Das Bild zeigt Bismarck neben dem gefangen genommenen Napoleon III. nach der Schlacht von Sedan 1870. Quelle: Wikipedia, Rechte: gemeinfrei.

Zum 100-jährigen Geburtstag Bismarcks 1915 erschien das Buch »Bismarck. Des eisernen Kanzlers Leben in annähernd 200 seltenen Bildern nebst einer Einführung«. Das Bild zeigt Bismarck neben dem gefangen genommenen Napoleon III. nach der Schlacht von Sedan 1870. Quelle: Wikipedia, Rechte: gemeinfrei.

Norbert Pötzls Buch erhebt nicht den Anspruch, Neues zu Bismarck zu liefern, sondern will vor allem Einstiegs- und Überblicksliteratur sein. Dabei bezieht es sich vor allem auf die oben erwähnten Standardwerke. Deutlich bemerkbar macht sich die journalistische Routine des langjährigen SPIEGEL-Autors Pötzl, insbesondere was die Lesbarkeit betrifft. Diese dürfte das Buch auch für ein breiteres Publikum interessant machen. Ein solches Publikum wird auf ein kritisches Bild Bismarcks treffen, das auf einer durchaus fundierten Recherche in der Sekundärliteratur basiert. In seiner Kritik am »Eisernen Kanzler« ist das Buch schon beinahe politisch zu verstehen. Pötzl spricht dies zwar nicht konkret aus, er scheint aber einer immer noch in der Öffentlichkeit vorhandenen tatsächlichen oder angenommenen Glorifizierung Bismarcks entgegenwirken zu wollen. Dies lässt natürlich einige Angriffspunkte für Kritik zu. Insbesondere störend wirkt aus fachlicher Sicht, dass eine reflektierte Einpassung Bismarcks in seine Zeit zu kurz kommt. Sie hätte vielleicht die eine oder andere Handlungsweise Bismarcks, die uns heute verwerflich erscheint, relativiert. Kritisch zu sehen ist auch die Verknüpfung der bismarckschen Politik mit Ereignissen nach seinem Tod. Der Leser kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Fehler der Bündnispolitik Bismarcks mit zur deutschen Isolierung im Vorfeld des Ersten Weltkrieges beigetragen haben. Bei der allgemeinen Sprunghaftigkeit der Bündnispolitik jener Tage eine gewagte These. Bestimmte Entwicklungen waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts kaum absehbar gewesen und vor der Andeutung einer Unausweichlichkeit eines großen europäischen Krieges sollte man sich auch hüten. Genauso problematisch ist der angedeutete Zusammenhang von Bismarck und Hitler. Hier scheint mir die Bedeutung des Bismarckmythos doch eindeutig überstrapaziert. Eine Betrachtung der Nachkriegsrezeption fehlt gar völlig.

Zusammenfassend lässt sich Norbert Plötzls »Bismarck. Der Wille zur Macht« als solides, gut geschriebenes Buch bezeichnen, das für eine historische Biografie etwas zu unreflektiert und für eine politische Biografie nicht pointiert genug an die Person Bismarck herangeht. Trotzdem kann man sie durchaus lesenswert nennen, insbesondere dann, wenn man das eigene Bismarckbild hinterfragen möchte, ohne sich in die gewaltige Bibliografie einzuarbeiten. Der kritischen Betrachtung des Bismarckmythos unangemessen ist allerdings das Erscheinen des Buches ausgerechnet im Jubiläumsjahr.

Thomas Banholzer M.A.

Links:

Norbert F. Pötzl, Bismarck als Russland-Versteher? Bereinigung eines Missverständnisses – resonanzboden. Der Blog der Ullstein Buchverlage.

BISMARCKIERUNG – Onlineprojekt der Otto-von-Bismarck-Stiftung.

Biografie Otto von Bismarck 1815–1898 – LeMO Lebendiges Museum Online.

Bismarcks Bündnissystem – LeMO Lebendiges Museum Online.

Galerie und Quellen »Die Reichskanzler des Deutschen Kaiserreichs 1871 bis 1918« – Bundesarchiv.

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