Sorgenvolle Weihnachtszeit

WeihnachtsbaumWenn alle Einkäufe erledigt, das Essen vorbereitet, der Baum geschmückt und die Briefe geschrieben sind, steht einer besinnlichen Weihnachtszeit nichts mehr im Weg. Besinnen kann man sich auf vieles; auch auf Zeiten, in denen das Weihnachtsfest von großer Sorge begleitet war. Ein einprägsames Zeugnis legte ein im jüdischen Glauben aufgewachsener und 1912 zum Protestantismus konvertierter habilitierter Romanist ab. Nachdem die nationalsozialistischen Rassengesetze ab 1935 seine wissenschaftliche Arbeit unmöglich gemacht hatten, konzentrierte er sich auf seine Tagebuchaufzeichnungen. Seine Notizen fertigte er auf losen Blättern an, die er bei einer Freundin vor den ständig drohenden Haussuchungen der Gestapo versteckte. Weihnachten aus den Augen eines herausragenden Zeitzeugen: Viktor Klemperer (1881–1960):

Weihnachten 1929
»Um 6 Uhr sah dann Eva einen schönen neuen grauen Pelz im Reka, der 390 M. kosten sollte, der für 325 zu haben war. – So ist es jetzt in den Kaufhäusern mit den ›festen‹ Preisen. Um 7 Uhr war ich im Reka und kaufte das Stück, da ich gerade am Morgen 356 M. vom Logos erhalten hatte. Und nun ist wieder Geldenge. Aber ich mag nicht mehr Geldes halber Verzweiflungsscenen, solange ich es irgend vermeiden kann. Am Abend kam Thieme. Der Baum wurde angesteckt, Maria bekam hübsche Sachen, Thieme einen Kochtopf, ich einen Regenschirm u. ein von E. gearbeitetes Nachthemd. Eva die Stoffe, den Blumentisch, die wir vorher zusammen gekauft u. eben den Pelz.« Viktor Klemperer: Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1925–1932, Bd. 2, Berlin 1996, S. 625.

Weihnachten 1932
»Der sehr gefürchtete ›Heilige Abend‹ – jährlich von mir mehr gefürchtet – ging gut vorüber. Gusti Wieghardt (allein) bei uns, ein guter Gänsebraten, 32 elektrische Lämpchen am Weihnachtsbaum (voriges Jahr 16) u. Eva in guter Stimmung. – Aber mein Herz ist so schwer wie je, und ich glaube, es ist krank.« Viktor Klemperer: Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1925–1932, Bd. 2, Berlin 1996, S. 768.

Viktor Klemperer

Viktor Klemperer 1954; Bildrechte: Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 / Höhne, Erich; Pohl, Erich / CC-BY-SA

Weihnachten 1933 – kein Eintrag; 31. Dezember 1933
»[…] Dies ist das charakteristische Faktum des abgelaufenen Jahres, daß ich mich von zwei nahen Freunden trennen mußte, von Thieme, weil Nationalsozialist, von Gusti Wieghardt, weil sie Kommunistin wurde. Beide sind damit nicht einer politischen Partei beigetreten, sondern ihrer Menschenwürde verlustig gegangen. Ereignisse des Jahres: das politische Unglück seit dem 30. Januar, das uns persönlich immer härter in Mitleidenschaft zog.
Evas sehr schlechter Gesundheits- und Gemütszustand.
Der verzweifelte Kampf um das Haus.
Der Fortfall aller Publikationsmöglichkeit.
Die Vereinsamung.«Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 75.

Weihnachten 1935 – kein Eintrag; 31. Dezember 1935
»Immer noch Drittes Reich und sehr gesunkene Hoffnung, das vierte zu erleben. – Überhaupt wenig Hoffnung, noch vieles zu erleben: ständige Herzbeschwerden, der Weg parkaufwärts mein tägliches Memento. Rauch-Einschränkung und sonstige précautions aufgegeben, auch hierin will ich leichtsinnig sein. Geringere Bindung an die Dauer des Lebens. Häufiges Gefühl, daß es ja doch dem Ende zugeht. Es war unser seßhaftestes Jahr, die weiteste Reise führte bis Heidenau. – Das wichtigste eigentlich: Ich lernte Maschinenschreiben!« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 234.

Weihnachten 1936 – kein Eintrag; Sylvester 1936
»An drei Abenden seit Weihnachten war Johanna Krüger bei uns, die Studienfreundin der Münchener Zeit, die wir jahrelang nicht gesehen haben. Sehr gealtert (über die Sechzig hinaus), sehr nervös, aber immerhin agil. Sie ist Lehrerin an einer Limburger Privatschule, mit allerlei Juden befreundet, ehedem eine Intime Fritz Mauthners, frei im Denken, Gegnerin des dritten Reichs, aber doch von einer ziemlich lauen Gegnerschaft erfüllt und ohne den Abscheu, der für einen redlich denkenden Menschen notwendig ist. Wir haben uns nicht gerade gestritten, aber auch nicht innig verstanden. Ich bin ganz froh, daß sie den zweiten Teil ihrer Ferien in Berlin verbringt. […] Wer kein Todfeind der Nazis ist, kann mir nicht Freund sein.
Weihnachten verbrachten wir ganz still. Wir fuhren nach Wilsdruff und kauften in der dortigen Gärtnerei auf Abruf im Frühjahr eine Tanne, nahmen uns auch ein Weihnachtsbäumchen mit Wurzelballen im Wagen mit, das heute zum letztenmal im Zimmer brennen und nachher ausgepflanzt werden soll.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 326.

Weihnachten 1937 – Eintrag vom 28. Dezember 1937
Am 24. kam nach mehreren Frosttagen plötzlich Tauwetter. So fuhren wir wie im Vorjahr nach Wilsdruff, einen lebenden Baum kaufen, der dann hier eingesetzt werden soll, ebenso wie der vorjährige. […] Ich hatte diese Tage sehr gefürchtet, denn es geht uns sehr schlecht. Die Geldsorgen sind wieder besonders drückend, wir rechnen mit dem Pfennig, wir können die Lebensversicherung nicht mehr halten. Und die Hoffnung auf politische Änderungen ist kaum noch Hoffnung.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 387.

Weihnachten 1938
»Eva schnitt ein paar Zweige von einer Tanne in unserem Garten und ordnete sie zum Bäumchen auf dem Gestell einer Tischlampe; wir tranken eine Flasche Graves zur Zunge, und der gefürchtete Weihnachtsabend verlief vergnüglicher, als ich zu hoffen gewagt. […] Gestern zum erstenmal im dritten Reich ist die Weihnachtsbetrachtung der Zeitung gänzlich dechristianisiert. Großdeutsche Weihnacht – der deutschen Seele die Neugeburt des Lichtes, die Auferstehung des deutschen Reiches bedeutend. Der Jude Jesus und alles Geistliche und allgemein Menschliche ausgeschaltet. Das ist fraglos Ordre für alle Zeitungen.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 448f.

Weihnachten 1939
»Eva schmückt den Baum, den ich mit sehr großer Mühe gestern – drei Besorgungen an einem Tag! – herangeschleppt habe. Sie ist aber noch deprimierter als ich. Wir sind eben sozusagen in extremis. Wenn kein Umschwung kommt, ehe man uns aus der Wohnung drängt, sind wir ja doch ziemlich verloren. Und ob vor dem 1. April…? Trotzdem ist diese Weihnacht nicht so trostlos wie die vorige. Damals war Friede, der Westen schien endgiltig [sic] kapituliert zu haben, Hitler für unabsehbare Zeit gesichert zu sein. Und jetzt ist die Entscheidung im Gange und muß gegen Hitler fallen. Bleibt für uns nur die Frage des Wann.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 505.

Weihnachten 1940
»Weihnachten, wenigstens der 24., verlief passabler als befürchtet. Ein Bäumchen für 60 Pf aus Leubnitz (Evas Lieblingsort), Frau Voß umgänglich, reichlicher Alkohol, vorher im Bahnhof ein richtiges fleischmarkenfreies Hirschgulasch (für mich die ersten Fleischbrocken seit Monaten). Ein Paket mit ungeahnten Schätzen von Lissy Meyerhof: Kaffee, Tee, Kakao. […] Bei Vogel hatte ich markenfrei ein Pfund Quark erhalten, bei Janik noch ein bißchen Wurst erbettelt: wir waren reich!« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 566.

Weihnachten 1941 – Eintrag vom 27. Dezember 1941
»Am 25.12. noch Regensturm, seit gestern Schnee und Frost. Der Judenhausarrest 24.12.–1.1. mit Ausnahme der Einkaufsstunde bedeutet faktisch am 25., 26., 28.12. und 1.1. als an Feiertagen völlige Klausur. Ich war am 24. und 25. nicht aus dem Haus, gestern abend bin ich dreimal innerhalb des Gartenzauns um das verschneite Haus gelaufen, heute mittag auf Kartoffelkauf am Wasaplatz gewesen. […] Die allgemeine Situation hat sich während der Feiertage nicht geändert. Überall schwere und unglückliche Kämpfe; hinter aufgedonnerten japanischen Siegesnachrichten verstecken sich Rückzüge und Niederlagen in Rußland und Afrika.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 1, Berlin 1995, S. 700f.

Weihnachten 1942
»Zweiter Feiertag, ganz leichter Frost, eher etwas über null Grad.
Eigentlich habe ich mich vor Weihnachten meist gefürchtet. Diesmal verläuft es aber bei aller Kahlheit und Bedrücktheit halbwegs glimpflich. Eva hatte ein sehr hübsches Bäumchen besorgt, schön ausgeschmückt und auf dem Flügel in Position gebracht. Geschenke, gutes Essen, Alkohol, Süßigkeiten fehlten gänzlich, alles war noch kahler als im vorigen Jahr – und wieviel Elend hatten wir seitdem durchlebt und mitangesehen. Unsere Gedanken gingen immer um dieses beides: ›Es wird die letzte Weihnacht im dritten Reich sein.‹ – ›Aber das haben wir schon im vorigen Jahr gedacht, und wir haben uns getäuscht.‹« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 2, Berlin 1995, S. 295.

Weihnachten 1943
»Gestern, am 24.12., um halb vier früh, zwei Minuten vor meinem Wecker: Fliegeralarm. In den Keller. Unser Luftgepäck besteht wieder nur aus Evas Notenmanuskripten. Ich fügte dieses einzige Notizblatt hinzu, das wir im Hause hatten. Im übrigen muß man wohl schicksalsgläubig sein. Der Alarm dauerte fast zwei Stunden, wieder ohne daß irgend etwas erfolgte. Aber die Angst wächst ständig.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 2, Berlin 1995, S. 463.

Weihnachten 1944 – kein Eintrag; 31. Dezember
»Eben, ich war beim Vorlesen, kam Alarm. Sehr kurzer, 18.50 Uhr bis 19.10 Uhr, aber wir mußten gleich über glatten Schnee und durch Dunkelheit in den Keller. Ein wenig greift mir doch jeder dieser Alarme an die Nerven: Zweimal in diesem Jahr hat das verschonte Dresden doch immerhin je ein paar hundert Tote gehabt. […] Der Zukunft stehe ich mit geringer Hoffnung und stumpf gegenüber. Es ist sehr fraglich, wann der Krieg zu Ende sein wird […]. Und es ist mir noch fraglicher, ob ich aus dem Frieden noch etwas für mich werde herausholen können, da ich doch offenbar am Ende meines Lebens stehe.« Viktor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, Bd. 2, Berlin 1995, S. 633.

Viktor Klemperer starb 1960 im Alter von 78 Jahren. Seit 1947 konnte er an den Universitäten in Greifswald, Halle und Berlin wieder lehren. Die ersten Transskriptionen und Veröffentlichungen von Tagebuchauszügen leistete Uwe Nösner schon 1987. Die gesamten Tagebuchaufzeichnungen sind 1995 im Aufbau-Verlag erschienen und wurden von Walter Nowojski herausgegeben.

ZEIT-Artikel zu den Klemperer-Tagebüchern (2011) 

Klemperer im Aufbau-Verlag

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